Turin ist eine der großen Genussstädte Italiens und gehört kulinarisch zu den eigenständigsten Adressen des Landes. Hier wurden die Gianduja-Schokolade, der Wermut und der Bicerin erfunden, und die piemontesische Küche bringt mit Agnolotti, Vitello tonnato und Bagna càuda eigene Klassiker auf den Tisch. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Spezialitäten ein und nennt, wo man sie probieren kann.
Gianduja und das Gianduiotto
Die Turiner Schokoladentradition geht auf einen Engpass zurück. Die napoleonische Kontinentalsperre, 1806 verhängt und bis 1814 in Kraft, verteuerte und verknappte den Kakao-Import nach Europa. Die Turiner Chocolatiers streckten den teuren Kakao daraufhin mit gemahlenen Haselnüssen aus dem Umland – verwendet wird die im Piemont angebaute Sorte Tonda Gentile delle Langhe. So entstand die Gianduja, die Mischung aus Kakao und Haselnusspaste.
Die Praline daraus, das Gianduiotto in seiner charakteristischen Barrenform mit Goldpapier, entstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Quellen datieren das nicht einheitlich – häufig genannt wird 1852, als Pierre Paul Caffarel und Michele Prochet als Erste Haselnüsse zu Paste vermahlten und mit Kakao mischten. Caffarel selbst führt die Marke als „The First One since 1865” und datiert die öffentliche Präsentation auf den Turiner Karneval 1865, bei dem die Praline ins Publikum geworfen wurde. Der Name geht auf die Commedia-dell’arte-Maske Gianduja zurück („Gioan d’la Duja”, Hans vom Krug), eine ehrliche piemontesische Figur, deren dreispitziger Hut die Form der Praline inspiriert haben soll.
Wo man die Schokolade kauft
Wer Gianduiotti und Pralinen mitnehmen will, findet in Turin mehrere historische Häuser, die das Handwerk bis heute pflegen:
- Guido Gobino – gegründet 1964, hochwertige Gianduiotti aus Tonda-Gentile-Haselnüssen und Kakao mit ausgesprochenem Slow-Food-Ansatz.
- Peyrano – Turiner Hersteller seit 1915, bekannt für Tradition und Produktqualität.
- Stratta – Confiserie an der Piazza San Carlo, die Marke besteht seit 1836.
- Weitere Klassiker – Baratti & Milano, Caffarel, G. Pfatisch, Streglio und Venchi gehören ebenfalls zu den etablierten Turiner Schokoladennamen.
Einen festen Preis pro Tafel oder Schachtel gibt es nicht, er hängt stark vom Haus und der Sorte ab; in den genannten Manufakturen liegt die Qualität deutlich über dem Supermarktniveau.
Der Bicerin
Das inoffizielle Stadtgetränk Turins ist der Bicerin (piemontesisch für „Gläschen”): drei Schichten aus Espresso, heißer Schokolade und Milchschaum, serviert im Glas. Erfunden und bis heute ausgeschenkt wird er im Caffè Al Bicerin an der Piazza della Consolata 5, gegründet 1763 von Giuseppe Dentis. Das Lokal war lange das einzige frei zugängliche und von Frauen geführte Café der Stadt; zu den Stammgästen zählte unter anderem Cavour.
Geöffnet ist täglich von 09:00 bis 19:15 Uhr, Ruhetag ist der Mittwoch (mit Ausnahmen). 2026 gibt es eine Winterpause vom 12. bis 16. Januar, eine Sommerpause vom 29. Juli bis 28. August und eine Schließung zum Stadtfest San Giovanni vom 22. bis 24. Juni. Den Bicerin bekommt man auch andernorts: In einfachen Bars kostet er etwa 3 bis 3,50 Euro, in den historischen Häusern bis rund 7 Euro. Mehr zur Turiner Kaffeehauskultur steht im Guide zu den historischen Cafés und dem Aperitivo.
Die piemontesische Küche
Auf den Tisch kommen Gerichte, die enger mit dem Piemont verbunden sind als mit der italienischen Standardküche. Typisch sind Agnolotti (gefüllte Pastataschen, oft als Agnolotti al sugo d’arrosto), Vitello tonnato (kalt aufgeschnittenes Kalbfleisch mit Thunfischsauce), die rohe Carne cruda, Bagna càuda (warme Sardellen-Knoblauch-Sauce zum Gemüse) und das Fritto misto alla piemontese. Dazu gehören die knusprigen Grissini, und zum Abschluss gerne Zabaione oder ein Haselnusskuchen.
Bewährte Adressen für diese Klassiker:
- Tre Galline – Via Bellezia 37 im Quadrilatero Romano, historisches Lokal im Michelin-Guide, Klassiker wie Carne cruda, Vitello tonnato und Agnolotti al sugo d’arrosto.
- Consorzio – Via Monte di Pietà 23, Slow-Food-orientierte piemontesische Küche mit lokalen Produkten.
- Porto di Savona – nahe der Piazza Vittorio Veneto, seit 1863, bekannt für Agnolotti und Fritto misto.
- Trattoria Valenza – im Balon-Viertel, gute Bagna càuda und Fritto misto alla piemontese.
- Osteria Antiche Sere – in Cenisia, einfache, ehrliche piola-Küche.
Beim Budget hilft eine grobe Faustregel: Eine piola liegt häufig unter 25 Euro pro Person, eine mittlere Trattoria bei etwa 40 bis 60 Euro, gehobene Küche über 100 Euro. Einzelne Tellerpreise schwanken je nach Lokal und sollten vor Ort geprüft werden.
Wermut, Aperitivo und Wein
Turin ist die Geburtsstadt des modernen Wermut (Vermouth). Antonio Benedetto Carpano entwickelte ihn 1786 auf Basis von Muskateller-Weißwein mit über 30 Kräutern und Gewürzen; sein Laden lag gegenüber dem Königspalast, und König Vittorio Amedeo III. wurde Stammkunde. Die Tradition prägt bis heute die Aperitivo-Kultur der Stadt. Bekannte Adressen sind das Jugendstil- Caffè Mulassano an der Piazza Castello (große Wermut-Auswahl, 1925 Erfindungsort des Tramezzino), das Caffè Torino an der Piazza San Carlo (gegründet 1903) sowie kleinere Spezialisten wie Vermuttino in der Via Bonelli 16c, die Bar Smile Tree und das Speakeasy Mad Dog.
Wer die Geschichte vertiefen will, fährt zur Casa Martini im Vorort Pessione – die Marke wurde 1863 gegründet, der Ort liegt rund 20 Minuten mit dem Zug ab Torino Porta Nuova und bietet ein Weingeschichtsmuseum, die Galerie Mondo Martini, eine Lounge Bar und Vermouth- Tastings.
Turin selbst ist keine Weinbaustadt, aber ein idealer Ausgangspunkt für die großen Piemonteser Rotweine: Barolo, Barbaresco, Barbera, Nebbiolo und Dolcetto stammen aus dem Umland. Verkosten lässt sich das in Enotheken wie der Casa del Barolo im Zentrum, der Enoteca Bordò, der Enoteca Vinile oder der auf Naturweine spezialisierten Enoteca Barbera e Rubatà. Aktuelle Verkostungsgebühren variieren und werden am besten direkt vor Ort erfragt. Welche Weinregionen sich als Tagesausflug ab Turin anbieten, steht im eigenen Guide.