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Historische Cafés & Aperitivo in Turin

Turin ist die Geburtsstadt von Wermut und Aperitivo. Ein Guide zu den vier großen historischen Cafés, zum Bicerin und zum abendlichen Aperitivo-Ritual.

Historische Cafés & Aperitivo in Turin
Inhalt

Kaum eine italienische Stadt zelebriert das Genießen so beiläufig wie Turin. Die Stadt hat den Aperitivo erfunden, sie pflegt eine Kaffeehauskultur aus dem 18. und 19. Jahrhundert – und beides lässt sich an einem einzigen Nachmittag und Abend erleben, ohne weite Wege. Dieser Guide ordnet die vier großen historischen Cafés ein, erklärt den Bicerin und zeigt, wo und wann der Aperitivo in Turin wirklich stattfindet.

Turin als Geburtsstadt von Wermut und Aperitivo

Der Aperitivo ist keine vage Tradition, sondern hat in Turin ein Datum. 1786 mischte Antonio Benedetto Carpano in seiner Bottega an der Piazza Castello Moscato-Wein mit Auszügen aus Kräutern und Gewürzen – das gilt als der erste Wermut und zugleich als Stunde null des Aperitivo. König Vittorio Amedeo III. übernahm den Drink an den Hof, und 2026 feiert der Vermouth di Torino seinen 240. Geburtstag.

Aus dieser Wurzel wuchs eine ganze Getränkefamilie. Der Milano-Torino – zu gleichen Teilen Campari aus Mailand und Vermouth di Torino – ist das lokale Standardgetränk; aus ihm gingen der Americano und der Negroni hervor. Die Marke Martini & Rossi geht auf eine 1847 in Turin gegründete Destillerie zurück; die spätere Firma entstand 1863 in Pessione bei Chieri. Zwei Klischees gehören dabei eingeordnet: Der Negroni ist florentinischen Ursprungs – dort ersetzte man auf Wunsch des Grafen Camillo Negroni im Americano die Soda durch Gin. Und der allgegenwärtige Aperol Spritz ist eher ein Produkt modernen Marketings als ein Turiner Traditionsdrink. Wer das Original sucht, bestellt einen Vermouth oder einen Milano-Torino.

Die vier großen historischen Cafés

Turins historische Kaffeehäuser sind keine Museen, sondern arbeitende Lokale mit Sälen aus Spiegeln, Marmor und Stuck. Vier prägen das Bild – alle vier liegen im Zentrum und sind untereinander zu Fuß erreichbar.

  • Caffè Al Bicerin (Piazza della Consolata 5): 1763 gegründet, als der Acquacedratario Giuseppe Dentis gegenüber dem Eingang des Santuario della Consolata öffnete; der heutige Bau entstand 1856 nach Plänen von Carlo Promis. Das Lokal am nördlichen Rand des Zentrums gilt als die Adresse für den Bicerin und war das Lieblingsgetränk von Camillo Cavour; auch Alexandre Dumas der Ältere war Gast und lobte das Getränk.
  • Caffè Mulassano (Piazza Castello 15): Mitte des 19. Jahrhunderts als Bottiglieria in der Via Nizza gestartet, seit 1907 am heutigen Standort. Hier wurde 1926 der Tramezzino erfunden, durch Angela Demichelis Nebiolo – 2026 wird das gefüllte Dreieckssandwich also 100 Jahre alt. Den Namen soll Gabriele D’Annunzio vorgeschlagen haben.
  • Caffè Torino (Piazza San Carlo 204): 1903 eröffnet, mit weitgehend erhaltener Jugendstil-Ausstattung aus vergoldeten Spiegeln, Marmor und bemalten Medaillons. Ein guter Ort für einen langen Vormittagskaffee mitten auf dem eleganten Salon der Stadt.
  • Caffè San Carlo (Piazza San Carlo 156): 1822 gegründet, eines der ersten Cafés Italiens mit Gasbeleuchtung (1832). Nach der Schließung 2020 wurde es 2022 zum 200-Jahr-Jubiläum als Café und Bistro der Gallerie d’Italia – Torino wiedereröffnet.

Zwei der vier stehen direkt an der Piazza San Carlo und ihrem Umfeld, das zum historischen Stadtkern zwischen Piazza Statuto, Piazza Castello und Piazza San Carlo gehört. Das macht eine Café-Runde ohne Taxi möglich.

Der Bicerin

Das Turiner Signature-Getränk ist der Bicerin – Piemontesisch für Gläschen. Er besteht aus drei Komponenten: Espresso beziehungsweise Kaffee, geschmolzene heiße Schokolade und eine Milchcreme, die im kleinen Glas in Schichten serviert werden. Die genauen Proportionen der Originalrezeptur hält das Caffè Al Bicerin geheim.

Historisch gab es drei Varianten: pur e fiur (Kaffee und Milchschaum, dem Cappuccino ähnlich), pur e barba (Kaffee und Schokolade) und un po’ di tut mit allen drei Zutaten. Durchgesetzt hat sich die letzte Version – der Bicerin, wie man ihn heute kennt. Im namengebenden Lokal kostet er aktuell rund 7 Euro. Wer die Hintergründe zu Schokolade, Gianduja und piemontesischer Küche vertiefen möchte, findet sie im Guide Essen & Spezialitäten.

Öffnungszeiten der historischen Cafés

Die vier Häuser haben sehr unterschiedliche Rhythmen – wichtig vor allem, weil zwei davon mittwochs schließen.

  • Caffè Al Bicerin: täglich 9:00–19:15 Uhr, Ruhetag Mittwoch. 2026 gelten mehrere Schließzeiten – Winterpause 12.–16. Januar, Sommerpause 29. Juli–28. August, geschlossen 22.–24. Juni (Johannistag) sowie am 25. Dezember und 1. Januar.
  • Caffè Mulassano: täglich 7:30 bis Mitternacht, freitags und samstags bis 1:00 Uhr, Ruhetag Mittwoch.
  • Caffè Torino: Montag–Freitag 7:30–24:00 Uhr, Samstag und Sonntag 8:00–24:00 Uhr; Frühstück ab 7:30, dazu Mittag, Abendessen und Aperitivo.
  • Caffè San Carlo: sieben Tage die Woche 8:00–22:00 Uhr.

Eine Faustregel zu den Preisen der Traditionscafés: In Turiner Häusern ist die Bedienung am Tisch in der Regel teurer als an der Theke. Wer nur schnell einen Espresso trinkt, zahlt am Tresen weniger; für die Säle, die Spiegel und die Aussicht auf die Piazza ist der Aufpreis am Tisch der eigentliche Punkt. Offizielle Espresso-Preislisten der Häuser sind nicht durchgängig veröffentlicht – wer genau kalkuliert, fragt vor Ort.

So funktioniert der Aperitivo

Der Aperitivo ist in Turin weniger ein schnelles Getränk als ein Ritual – der Übergang vom Feierabend zum Abend. Er findet typischerweise zwischen etwa 18 und 21 Uhr statt; in den lebhaften Ausgehvierteln beginnt die Aperitivo-Stunde oft erst gegen 19 Uhr. In den langen Sommerabenden verschiebt sich das gefühlt nach hinten, weil länger Tageslicht herrscht.

Der Kern ist das Apericena: Zum Getränk gehört der Zugang zum Buffet. Typisch sind Oliven, Chips, Salzgebäck und salatini, taralli, knuspriges Brot, Tartine, Aufschnitt und Salate, dazu oft warme Speisen wie Risotto, Pasta oder Polenta. Das ersetzt vielen Turinern das Abendessen und kostet meist rund 10 bis 15 Euro. Beim Getränk greift man am besten zum Lokalen – einem Vermouth oder einem Milano-Torino.

Wer es gehoben mag, bekommt im Caffè San Carlo belegte Zahlen: Negroni 14 €, Americano 12 €, Milano-Torino al Barolo 13 €, Cocktail Martini 15 €, Tramezzini ab 5 €; mittags gibt es die Formel Oggi a pranzo für 12,50 €. Bei Caffè Torino und Mulassano sind die genauen Aperitivo- und Bicerin-Preise nicht offiziell gelistet – qualitativ liegen die Traditionshäuser am oberen Ende.

Wo der Aperitivo in Turin stattfindet

Der Aperitivo hat in Turin klare Adressen – je nachdem, ob man elegant oder lebhaft sucht.

  • Zentrum / Quadrilatero Romano: der historische Stadtkern zwischen Piazza Statuto, Piazza Castello und Piazza San Carlo, fußläufig zu allen vier historischen Cafés. Hier verbindet sich Aperitivo mit Kaffeehaus-Ambiente.
  • San Salvario: das Aperitivo- und Apericena-Viertel schlechthin, südlich des Zentrums beim Bahnhof Porta Nuova und am Parco del Valentino. Die lebhaftesten Straßen sind Via Saluzzo, Via Belfiore und Via Berthollet; das Publikum ist überwiegend unter 30.

Praktisch heißt das: Wer den klassischen, ruhigeren Aperitivo will, bleibt im Zentrum und nimmt einen der historischen Säle; wer Trubel und junge Movida sucht, geht nach San Salvario. Beides lässt sich an einem Abend verbinden – erst ein Vermouth an der Piazza San Carlo, dann weiterziehen. Wer den Bogen über den ganzen Aufenthalt schlagen will, findet weitere Ideen unter Tagesausflüge und in der Torino+Piemonte Card.

Häufige Fragen

Was ist ein Bicerin?+

Der Bicerin ist ein heißes Turiner Getränk aus drei Komponenten – Espresso, geschmolzene Schokolade und Milchcreme –, das im kleinen Glas serviert wird. Bicerin ist Piemontesisch für Gläschen. Das namengebende Caffè Al Bicerin verlangt dafür aktuell rund 7 Euro.

Wann ist Aperitivo-Zeit in Turin?+

Der Aperitivo findet typischerweise zwischen etwa 18 und 21 Uhr statt, als Übergang vom Feierabend zum Abendessen. In den Ausgehvierteln beginnt die Aperitivo-Stunde oft erst gegen 19 Uhr.

Was kostet ein Aperitivo und was bekommt man dazu?+

Ein Apericena kostet meist rund 10 bis 15 Euro. Zum Getränk gibt es Zugang zum Buffet – Oliven, Chips, Salzgebäck, taralli, Tartine, Aufschnitt, Salate und oft warme Speisen wie Risotto, Pasta oder Polenta.

Welches ist das älteste historische Café Turins?+

Das Caffè Al Bicerin geht auf 1763 zurück, als Giuseppe Dentis gegenüber dem Santuario della Consolata seine Bottega eröffnete. Das Caffè San Carlo folgte 1822, das Caffè Mulassano am heutigen Standort 1907 und das Caffè Torino 1903.